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Interview der Woche zur „Nahtoderfahrung“ in Ingolstadt mit „Schleuse“ und Oliver Fritsch

Auch fünf Monate später lässt einen der Blick zurück nicht kalt. Zu schmerzhaft, zu aufwühlend, zu berauschend, einfach zu groß waren die Emotionen, die wir Cluberer an jenem 11. Juli 2020 zwischen der 53. und 96. Minute beim Relegationsrückspiel in Ingolstadt und auch in den Stunden, Tagen und Wochen danach zu bewältigen hatten. Und sind wir ehrlich: Wir sind damit noch längst nicht durch, wir müssen reden! Das tun wir mit Oliver Fritsch, Sportjournalist bei Zeit Online, der in seinem Buch „Fußball als Nahtoderfahrung“ genau dieses Gefühlschaos bei verschiedensten Club-Fans und Beteiligten zum Thema machte. Aber natürlich sprechen wir auch mit dem Mann, ohne den es das Alles nicht gäbe: Fabian „Schleuse“ Schleusener.

Schleuse, Du wurdest in der 70. Minute eingewechselt, zu diesem Zeitpunkt stand es 0:3 und der Club war Drittligist. Ganz ehrlich: Hast Du selbst noch an die Rettung geglaubt?

Fabian Schleusener: Das 0:3 war natürlich ein Schock. Aber wenn ich eins gelernt habe, dann, dass man im Fußball bis zur letzten Sekunde alles geben muss und sich nie aufgeben darf.

Oliver, Schleuse hat dann eben in der 96. Minute den Schlappen draufgehalten. Der Rest ist bekannt. Wie bist Du auf die Idee gekommen, ein Buch über diese mittlerweile berühmte „96. Minute“ zu schreiben?

Oliver Fritsch: In diesem Spiel steckt sehr viel Wahrheit über den 1. FC Nürnberg. Selbst der Moment des Erfolgs trägt starke Elemente des Leids in sich. Die überstandene Relegation in Ingolstadt glich einer traumatischen Erfahrung für alle Club-Fans. Auch ich, der sozusagen ein angeheirateter Fan bin, lag nachts wach. Das alles musste verarbeitet werden. Wir mussten reden. Das Buch ist eine Art schriftlicher Stuhlkreis.

Und welche Geschichte aus diesem „Stuhlkreis“ hat Dich dabei am meisten bewegt?

Oliver Fritsch: Der Tod von Gerhard Rectanus, einem 71-jährigen Club-Fan aus Unterfranken, dem Vorsitzenden der Clubfreunde Hofheim. Er starb in der Nacht vom 11. auf den 12. Juli an Herzversagen. Er war zwar vorerkrankt, aber der Anlass seines Todes war wohl das Spiel. Auf dem Bild auf seiner Todesanzeige trägt er ein FCN-Shirt. Auf der Facebook-Seite des Fanclubs schrieb ein Freund: „Mach's gut da oben, musst dich nicht mehr aufregen.“

Schleuse, nach Deinem Tor sind im Stadion und bei den Fans zuhause die Emotionen übergekocht. Wie hast Du selbst den Moment wahrgenommen, was schoss Dir durch den Kopf?

Fabian Schleusener: Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr genau, was mein erster Gedanke war. Ich habe einfach einen Gefühlsausbruch erlebt, nachdem der Ball gefühlt wie in Zeitlupe ins Tor gegangen ist.

Oliver, auf die negativen Rekorde in der Club-Historie will ich jetzt gar nicht eingehen. Aber glaubst Du nach Deinen Recherchen, dass Clubfans anders leiden als andere Fans?

Oliver Frisch: Du meinst, weil sie darin trainierter sind? Gute Frage. Ich denke Ja und Nein. Ja, weil sie das kommende Leid aus Erfahrung bereits antizipieren und sich auf das Unheil in all seinen Ausprägungen innerlich vorbereiten. Nein, weil die beste Vorbereitung einem in der konkreten Situation nichts nutzt. „Die Chronik des Vereins ist voller närrischer Superlative, voller Zumutungen“, schreibt der Karikaturist Achim Greser, der seit einem halben Jahrhundert Clubfan ist, in meinem Buch. Dennoch traf ihn das Ingolstadt-Spiel unvorbereitet. „Wie kann man die Menschen nur so quälen?“

Schleuse, quälen wollen wir Dich hier nicht. Deshalb ganz einfach: Gibt es eigentlich eine Frage, die Dir nach Deinem Tor noch nie gestellt wurde? Gibt es etwas, was Du schon immer mal loswerden wolltest?

Fabian Schleusener: Ich glaube, dass mir mittlerweile fast alle Fragen dazu gestellt wurden (lacht). Für mich ist es leider wirklich nicht einfach, diesen Moment, der unfassbar und kaum in Worte zu fassen ist, anderen Menschen zu beschreiben. Ich gebe in jedem Interview mein Bestes, aber ich glaube nicht, dass ich diesen Moment, genauso wie ich ihn erlebt habe, weitergeben kann.

Oliver, was kann nach so einem Buch eigentlich noch nachkommen?

Oliver Fritsch: Für mich: Das Buch handelt von einem einzigen Spiel. Mal sehen, mein nächstes Buch handelt vielleicht von einem einzigen Tor. Darin kann die ganze Welt stecken. Für den Club: Entweder war Ingolstadt „der Gipfel der Zumutungen“, wie Greser schreibt, und nun ist alles überstanden. Oder die nächste Katastrophe kommt bestimmt. Meine Recherchen ergaben in dieser Frage keine eindeutige Antwort.