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Interview der Woche mit Anatoli Djanatliev

Vorstand des deutsch-jüdischen Sportvereins Maccabi Nürnberg

Nie wieder!

Am 27. Januar 2021 jährt sich zum 76. Mal die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Der Name „Auschwitz“ steht stellvertretend für den unfassbaren Massenmord der Nazis an Juden, Sinti und Roma sowie allen anderen Verfolgten. An diesem Gedenktag sprechen wir mit Anatoli Djanatliev, Vorstand des deutsch-jüdischen Sportvereins Maccabi Nürnberg.

Anatoli, was bedeutet Dir der 27. Januar und wie begehst Du diesen (ge-)denkwürdigen Tag?

Es ist ein wichtiger Tag, der öffentlichkeitswirksam sehr viele Menschen erreicht und einbezieht, auch über die sozialen Netzwerke mit dem Hashtag #weremember. Außerhalb der Pandemie ist die zentrale Gedenkveranstaltung mit Nürnberger Schulen ein wichtiger Termin im Kalender. Eigentlich sollte es aber nicht nur an diesem einen Tag wichtig sein, die Erinnerung wach zu halten. Insbesondere sollte man auch antisemitische Vorfälle in der heutigen Zeit erkennen und aktiv dagegen vorgehen. Statt mit dem Finger zu zeigen, ist es unsere gemeinsame Verantwortung, ganz im Sinne des Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer, der gesagt hat: „Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.“
 
 
Wie nimmst Du die Erscheinungsformen des Antisemitismus momentan wahr? Wie werdet ihr als Fußballmannschaft damit auf und neben dem Platz konfrontiert?

Es auf die Fussballmannschaft und Maccabi zu beschränken wäre nicht richtig, denn Antisemitismus gibt es in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Sphären. Wir erleben hier im Sport eine große Solidarität. Leider wird das Thema aber insgesamt immer größer, ohne es in der öffentlichen Wahrnehmung so zu sehen. Es beginnt oft mit klassischen Beschimpfungen wie "Du Jude!" und geht auch im unterschwelligen Bereich weiter. Häufig ist auch Israelkritik ein Mittel, Antisemitismus als solchen zu verpacken. Insbesondere dann, wenn bei Kritik an der Politik Israels über "die Juden" geredet wird oder bekannte Sportler an ihre Follower fragwürdige Bilder und Aussagen posten. Oft wird Antisemitismus auch nicht wirklich sofort erkannt und die Opfer werden häufig mit dem Problem allein gelassen. Besorgniserregend ist auch die Situation bei jüngeren Menschen, die eigentlich keinen direkten Bezug mehr zu diesem Thema haben. Hier müssen Lehrer*innen und Übungsleiter*innen geschult und sensibilisiert werden. Häufig werden Vorfälle in diesem Bereich leider auch als "normale" Streitigkeiten zwischen den Jugendlichen gesehen.

Aufklären, gedenken und erinnern ist uns als Verein mit gesellschaftlicher Verantwortung eine Herzensangelegenheit. Gemeinsam mit euch haben wir das Projekt „Jenö Konrad-Cup Fußball trifft auf Geschichte“ für Schüler*innen auf den Weg gebracht, das die Biografie des ehemaligen jüdischen Trainers Jenö Konrad, seine Verfolgung durch die Nazis und die heutige Auseinandersetzung mit Antisemitismus zum Thema macht. 2021 gehen wir damit in die dritte Runde. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Die Kooperation zwischen dem Club und Maccabi hat sich eigentlich zufällig, jedoch sehr schnell entwickelt. Bei einer städtischen Sportveranstaltung haben wir zunächst in einem Gespräch mit Dr. Thomas Grethlein festgestellt, dass wir sehr viele gemeinsame Werte teilen und der Club die Verantwortung hat, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Auch bei späteren Gesprächen mit Katharina Fritsch und Bernd Siegler hatten wir sofort das Gefühl, dass eine Kooperation zwischen dem Club und Maccabi Nürnberg positive Zeichen nach Außen senden könnte und den gemeinsamen Kampf für eine offene Gesellschaft in unserer Stadt und darüber hinaus unterstützen kann. Das erste Gefühl hat sich bereits nach den ersten beiden Auflagen bestätigt, so dass diese einmalige Zusammenarbeit bereits jetzt schon als Vorbild in Deutschland, aber auch in anderen Ländern gesehen wird.

Corona-bedingt läuft der „Jenö Konrad-Cup“ heuer virtuell, aber auch inhaltlich anders ab. Erste Gesprächsrunden mit interessierten Schulen haben bereits stattgefunden. Wie ist der aktuelle Stand und wie war die Resonanz der Lehrer*innen?

Es war uns unglaublich wichtig, das Thema trotz Corona nicht in die Schublade zu schieben und auf das Ende der Pandemie zu warten. Deswegen haben wir uns für Phase 1 ein digitales Format überlegt. Wir sind sehr froh, dass viele Lehrer*innen diesen Weg mitgehen wollen und bei unserem Round-Table auch eigene Ideen eingebracht haben. Durch interaktive Formen können wir so, neben den bewährten Formen des Frontalunterrichts, auch interaktive Möglichkeiten (wie einen Quiz) nutzen. In diesem Jahr soll neben dem Gesamtsieger auch je ein Gewinner für die einzelnen Phasen gekürt werden. So können wir besonders erfolgreichen Gruppen aus Phase 1 oder 2 eine zusätzliche Sichtbarkeit ermöglichen und die Schüler*innen zusätzlich motivieren.

Was ist Dir als Botschaft an die Schüler*innen dabei besonders wichtig? Was sollen sie aus dem sinnstiftenden Projekt für sich mitnehmen?

Unser Slogan "Fussball trifft auf Geschichte" beinhaltet sehr viel. In der heutigen Zeit und auch in der Zukunft wird das Wachhalten der Erinnerung grundsätzlich immer wichtiger, denn einerseits gibt es immer weniger Zeitzeugen, andererseits gibt es leider auch heute Tendenzen in der Gesellschaft, die an die Anfänge von damals erinnern. Wir dürfen nicht nur über die damalige Zeit sprechen. Es muss ganz klar auch eine Verbindung zum "Hier und Heute" hergestellt werden, um Antisemitismus auch in der heutigen Zeit erkennen zu können. Mit dem Jenö-Konrad-Cup versuchen wir auch die verbindende Eigenschaft des Sports zu nutzen. Wir wollen in Phase 1 die Vergangenheit und die Geschichte berücksichtigen und damit die Erinnerung wach halten, in Phase 2 sollen vermehrt die Gemeinsamkeiten in der heutigen Zeit unterstrichen werden.


Infos über den TSV Maccabi Nürnberg findet ihr hier:
Homepage: https://maccabi-nuernberg.de/
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